von Jenny
Zwei Frauen, beide Jahrgang 1978. Die eine nimmt die Treppe in den dritten Stock ohne Pause, schläft gut und ist nach einer vollen Woche am Sonntag wieder bei Kräften. Die andere kommt oben außer Atem an, liegt seit Monaten nachts wach und merkt, dass sich ihre Haut nach stressigen Phasen langsamer erholt als früher. Im Ausweis steht dasselbe Alter. Im Körper scheinen die Uhren unterschiedlich schnell zu laufen.
Für diesen Unterschied hat die Forschung einen Begriff: das biologische Alter. Es beschreibt, wie weit Alterungsprozesse in deinem Körper fortgeschritten sind, unabhängig davon, wie viele Geburtstage du schon gefeiert hast. Der Kalender zählt Jahre. Das biologische Alter fragt, wie gut dein Körper in diesen Jahren funktioniert.
Das biologische Alter ist eine Schätzung dafür, wie weit die Alterung im Körper vorangeschritten ist. Grundlage sind messbare Merkmale, sogenannte Biomarker, deren Werte mit denen von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen verglichen werden. Liegt das berechnete biologische Alter unter dem kalendarischen, altert der Körper nach dem jeweiligen Modell langsamer als der Durchschnitt. Liegt es darüber, schneller.
Was dabei eigentlich altert, hat die Alternsforschung in den vergangenen Jahren recht genau beschrieben. Die Übersichtsarbeit „Hallmarks of aging“ nennt zwölf Kennzeichen des biologischen Alterns. Dazu gehören Schäden an der Erbsubstanz, kürzer werdende Telomere, veränderte epigenetische Markierungen, nachlassende Mitochondrienleistung, eine gestörte Autophagie, gealterte (seneszente) Zellen und chronische, unterschwellige Entzündungen. Diese Prozesse greifen ineinander und laufen nicht bei allen Menschen gleich schnell ab.
Daraus ergibt sich eine wichtige Einordnung: Das eine biologische Alter gibt es nicht. Je nachdem, welche Biomarker ein Modell nutzt, bildet es andere Seiten des Alterns ab. Ein Wert auf Basis von Blutwerten beschreibt etwas anderes als eine Analyse der DNA-Methylierung oder eine Messung der Herzratenvariabilität. Alle können aufschlussreich sein, solange klar ist, welche Frage sie beantworten.
Das chronologische Alter ist die Zeit seit deiner Geburt. Es ist exakt, für alle gleich getaktet und lässt sich nicht verändern. Das biologische Alter dagegen ist eine Schätzung, kann nach oben oder unten vom Kalender abweichen und sich im Laufe des Lebens verschieben.
Wie groß diese Abweichung schon in jungen Jahren sein kann, zeigt eine der bekanntesten Untersuchungen zum Thema. In der neuseeländischen Dunedin-Studie wertete Epidemiologe und Alternsforscher Daniel W. Belsky Daten von 954 Menschen aus, die alle innerhalb eines Jahres in derselben Stadt geboren wurden. Mit 38 Jahren bestimmten sie anhand von 18 Messwerten, etwa zu Lunge, Nieren, Leber, Herz-Kreislauf-System, Zahnfleisch und Immunsystem, das biologische Alter jeder Person. Die Spanne reichte von unter 30 bis fast 60 Jahren. Wer biologisch schneller alterte, schnitt bei Tests zu körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit schlechter ab und wurde auf Porträtfotos von unbeteiligten Personen älter geschätzt.
Das chronologische Alter bleibt trotzdem wichtig, etwa für Vorsorgeuntersuchungen und Referenzwerte in der Medizin. Das biologische Alter ergänzt es um eine zusätzliche Perspektive: Es zeigt, wie unterschiedlich Menschen desselben Jahrgangs körperlich aufgestellt sein können.
Ein Teil der Unterschiede steckt in den Genen. Wie groß dieser Anteil ist, wird gerade neu diskutiert. Zwillingsstudien kamen lange auf eine Erblichkeit der Lebensdauer von 20 bis 25 Prozent, große Stammbaumanalysen sogar nur auf rund 6 Prozent. Eine Arbeit aus dem Labor des Systembiologen Uri Alon am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Israel rechnet äußere Todesursachen wie Unfälle und Infektionen heraus und kommt für die „innere“, altersbedingte Sterblichkeit auf eine Erblichkeit von über 50 Prozent. Für dich heißt das: Die Gene legen einen Rahmen fest. Wie du diesen Rahmen ausfüllst, hängt zu einem großen Teil von Lebensstil und Umwelt ab.
Hinzu kommt, dass Altern nicht gleichmäßig verläuft. Forschende um den Genetiker Michael Snyder an der Stanford University (Nature Aging, 2024) begleiteten 108 Erwachsene zwischen 25 und 75 Jahren teils über mehrere Jahre und analysierten Tausende Moleküle. Deutliche Umbrüche zeigten sich vor allem um das 44. und um das 60. Lebensjahr. Und selbst innerhalb eines Körpers altern Organe unterschiedlich schnell: In einer Analyse von Blutproteinen bei 5.676 Erwachsenen, geleitet vom Neurowissenschaftler Tony Wyss-Coray (Stanford University 2023), zeigte fast jede fünfte Person in mindestens einem von elf untersuchten Organen eine deutlich beschleunigte Alterung.
Auch die Haut folgt diesem Muster. Neben der inneren, genetisch geprägten Hautalterung wirken äußere Einflüsse wie UV-Strahlung, Rauchen und Dauerstress, und sie beginnen meist lange, bevor Veränderungen im Spiegel sichtbar werden.
Warum Hautalterung tiefer ansetzt als an der Oberfläche, liest du hier: Hautalterung neu betrachten: Warum sie nicht in der Haut beginnt
Viele Stellschrauben des biologischen Alterns sind aus dem Alltag bekannt, und genau darin liegt eine gute Nachricht. Die wichtigsten Faktoren im Überblick:
Dass sich das Tempo der Alterung messbar verändern lässt, zeigt die CALERIE-Studie: Gesunde Erwachsene, die zwei Jahre lang ihre Kalorienzufuhr moderat reduzierten, alterten laut der epigenetischen Messgröße DunedinPACE um zwei bis drei Prozent langsamer als die Vergleichsgruppe. Ausgewertet hat das ein Team der Columbia University um die Epidemiologin Reem Waziry und Daniel Belsky (Nature Aging, 2023). Das klingt nach wenig, ist aber über Jahre gerechnet ein spürbarer Unterschied. Wie Schlaf, Stress und Bewegung im Detail zusammenwirken, ist ein eigenes, großes Thema.
Mehr über die Rolle unterschwelliger Entzündungen erfährst du in unserem Beitrag: Inflammaging und deine Haut: Was stille Entzündungsprozesse wirklich bedeuten
Wer sein biologisches Alter berechnen oder testen lassen möchte, stößt heute auf sehr unterschiedliche Verfahren. Sie lassen sich grob in vier Gruppen einteilen:
• Klinische Biomarker: Modelle wie PhenoAge, entwickelt von der Alternsforscherin Morgan Levine (damals Yale University), kombinieren gängige Blutwerte, etwa zu Blutzucker, Nierenfunktion und Entzündung, mit dem Kalenderalter.
• Epigenetische Uhren: Sie werten Methylierungsmuster der DNA aus Blut, Speichel oder Wangenabstrich aus.
• Proteom-Analysen: Sie schätzen aus Hunderten Blutproteinen das Alter einzelner Organe.
• Funktionelle Messungen: Griffkraft, Gehgeschwindigkeit, Lungenfunktion oder die Herzratenvariabilität zeigen, wie leistungsfähig Körpersysteme im Moment arbeiten.
Online-Rechner, die das Bio Age aus einem Fragebogen ermitteln, geben eine grobe Orientierung. Laborbasierte Verfahren sind genauer, liefern aber je nach Methode unterschiedliche Ergebnisse, weil sie unterschiedliche Aspekte des Alterns erfassen. Einen einheitlichen, direkt ablesbaren Wert gibt es bislang nicht. Am meisten sagen Messungen aus, wenn sie mit derselben Methode wiederholt werden und so Veränderungen über die Zeit zeigen.
Einen funktionellen Blickwinkel eröffnet das vegetative Alter. Der iFlow® HRV Scan leitet es aus einer fünfminütigen Ruhemessung und einem einminütigen Atemtest mit festgelegtem Rhythmus ab. Das Ergebnis zeigt, wie gut dein autonomes Nervensystem im Vergleich zu altersbezogenen Referenzwerten reguliert. Das vegetative Alter ist kein Laborwert zur Zellalterung. Im Kosmetikinstitut ergänzt es die professionelle Hautanalyse deiner Kosmetikerin um messbare Werte zu Stress und Erholungsfähigkeit.
Wie das vegetative Alter entsteht und was der Longevity Score zeigt, erklären wir hier: HRV und vegetatives Alter: Was der iFlow® Longevity Score zeigt
Epigenetische Uhren gelten derzeit als die präzisesten Schätzer des biologischen Alters. Sie nutzen die Tatsache, dass sich an bestimmten Stellen der DNA mit den Jahren kleine Methylgruppen an- oder ablagern. Die erste Generation wurde darauf trainiert, das Kalenderalter möglichst genau vorherzusagen: die Uhr des Genetikers und Biostatistikers Steve Horvath (University of California, Los Angeles) von 2013 mit 353 Messpunkten in vielen Gewebearten und die Uhr des Bioinformatikers Gregory Hannum (University of California, San Diego) aus demselben Jahr mit 71 Messpunkten im Blut.
Spätere Modelle wie PhenoAge (2018) und GrimAge (2019) wurden gezielt mit Gesundheitsdaten verknüpft und sagen Krankheitsrisiken und Sterblichkeit besser voraus. DunedinPACE (2022) misst schließlich das Tempo der Alterung: Ein Wert von 1,0 entspricht einem biologischen Jahr pro Kalenderjahr, darunter alterst du langsamer.
Die Stärke der Uhren liegt in großen Studien, wo sie Zusammenhänge zwischen Lebensstil, Krankheitsrisiko und Alterung sichtbar machen. Für den einzelnen Menschen sind sie eine Momentaufnahme. Verschiedene Uhren, Labore und Probenarten können bei derselben Person voneinander abweichen, und eine medizinische Diagnose ersetzen sie nicht.
Wie Epigenetik funktioniert und was sie für deine Haut bedeutet, liest du in unserem Beitrag: Diese Auswirkungen hat Epigenetik auf deine Hautgesundheit und dein Wohlbefinden
Longevity meint mehr als ein langes Leben. Im Mittelpunkt stehen die Jahre, die du gesund und aktiv verbringst, in der Forschung Healthspan genannt. Wie groß die Lücke zwischen Lebenszeit und gesunder Lebenszeit ist, haben Forschende der Mayo Clinic in den USA um den Kardiologen und Regenerationsmediziner Andre Terzic (JAMA Network Open, 2024) für 183 Länder berechnet: Weltweit verbringen Menschen im Schnitt 9,6 Jahre ihres Lebens mit Krankheit oder Einschränkungen.
Hier setzt das biologische Alter an. Es macht Prozesse greifbar, die lange vor Beschwerden beginnen. Die Haut ist dabei oft einer der ersten Orte, an denen innere Veränderungen sichtbar werden, weil Versorgung, Regeneration und Stressregulation dort unmittelbar zusammenwirken.
Was hinter dem Konzept der gesunden Lebensjahre steckt, erfährst du hier: Healthspan: Was Longevity wirklich bedeutet
Einen Überblick über alle Einflussfaktoren auf gesundes Altern findest du im Beitrag: Gesund altern, mehr als nur ein langes Leben
Das biologische Alter beschreibt, wie weit Alterungsprozesse in deinem Körper fortgeschritten sind, und kann deutlich vom Geburtsdatum abweichen. Es ist kein einzelner fester Wert. Verschiedene Messmodelle schätzen es, jedes mit einem eigenen Blickwinkel. Aussagekräftig wird es im Verlauf: Wenn Schlaf, Stressbalance, Bewegung und Ernährung stimmen, zeigt sich das häufig zuerst in funktionellen Werten und an der Haut. Wer mehr über die eigene Regulation wissen möchte, findet über den Institutsfinder ein Weyergans Institut in der Nähe, das den iFlow® HRV Scan anbietet.
Das biologische Alter ist eine Schätzung, wie weit Alterungsprozesse im Körper fortgeschritten sind. Es wird aus Biomarkern wie Blutwerten, DNA-Methylierung oder funktionellen Messungen berechnet und mit Durchschnittswerten verschiedener Altersgruppen verglichen.
Ja, und zwar deutlich. In der Dunedin-Studie reichte das biologische Alter bei 38-Jährigen von unter 30 bis fast 60 Jahren. Die Abweichung kann nach oben und nach unten gehen und sich im Laufe des Lebens verändern.
Nein. Jedes Verfahren schätzt das biologische Alter anhand bestimmter Biomarker und bildet damit einen Ausschnitt des Alterns ab. Unterschiedliche Tests können deshalb bei derselben Person zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Aussagekräftiger als ein einzelner Wert ist der Verlauf bei wiederholter Messung mit derselben Methode.
In gewissem Umfang ja. Schlaf, Stressregulation, Bewegung, Ernährung sowie der Verzicht auf Rauchen und ausgiebige UV-Belastung wirken sich auf viele Alterungsprozesse aus. In der CALERIE-Studie verlangsamte eine moderate Kalorienreduktion über zwei Jahre das gemessene Alterungstempo um zwei bis drei Prozent.
Eine feste Grenze gibt es nicht. Alterungsprozesse beginnen bereits im jungen Erwachsenenalter und verlaufen nicht gleichmäßig. Forschende um den Genetiker Michael Snyder (Stanford University) beobachteten deutliche molekulare Umbrüche um das 44. und das 60. Lebensjahr.
Eine epigenetische Uhr ist ein Rechenmodell, das aus Methylierungsmustern der DNA das biologische Alter oder das Alterungstempo schätzt. Bekannte Beispiele sind die Horvath-Uhr, GrimAge und DunedinPACE.
Weyergans High Care beschäftigt sich seit den 1980er-Jahren mit funktioneller Kosmetologie, apparativen Anwendungen, Regeneration, Mikrozirkulation und modernen High Care Konzepten. Im Mittelpunkt steht ein erweitertes Verständnis von Hautqualität: Die Haut wird nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel mit biologischen Prozessen wie Versorgung, Regulation, Stressbelastung und Regenerationsfähigkeit.